
Wachstum ist eine natürliche Kraft.
Die meisten Menschen haben das vergessen.
Deshalb warten sie darauf, dass sich etwas ändert – und verstehen nicht, dass sie längst wachsen könnten.
Vergangenheit und Gegenwart gehören zusammen.
Die Vergangenheit muss nicht weiter gelebt werden, aber sie war nun mal Teil eines Lebens.
Ich habe sie angenommen und heute weiß ich:
Sie gehört einfach zu meiner Erde dazu.
Die Kunst besteht nicht darin, Unkraut zu vermeiden.
Die Kunst besteht darin, zu erkennen, was wir nähren möchten.
Was darf wachsen?
Was darf bleiben?
Und was darf gehen?
Wie lebe ich?
In welcher Zeit lebe ich?
In der Vergangenheit?
In der Zukunft?
Oder im Hier und Jetzt?
Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um?
Kann ich mich selbst halten?
Was suche ich eigentlich?
Jeder Garten enthält Dinge, die wir uns ausgesucht haben und Dinge, die wir uns niemals ausgesucht hätten.
Samen.
Blüten.
Unkraut.
Steine.
Verwachsene Wurzeln.
Genau wie das Leben.
Lernaufgaben sind oft die Ketten, die Glaubenssätze, die Masken und die Hindernisse, die Wachstum blockieren sollen.
Doch wie wir wissen, findet fast jede Wurzel ihren Weg.
Nicht weil der Weg frei ist, sondern weil Wachstum eine natürliche Kraft ist.
Lange dachte ich, die Aufgabe bestünde darin, die Hindernisse auszugraben und wegzuschaffen.
Heute sehe ich das anders.
Die Frage lautet nicht:
Wie werde ich die Vergangenheit los?
Die Frage lautet:
Wie kann ich ihr ihren Platz geben, ohne ihr die Führung über mein Leben zu überlassen?
Auch die Vergangenheit braucht einen Raum.
Aber nicht jeden Raum.
Sie darf einen Platz haben.
Wie eine Kiste im Regal.
Wie eine Schublade, die man öffnen kann, wenn man etwas verstehen möchte.
Aber sie gehört nicht dauerhaft auf den Küchentisch meines Lebens.
Sie gehört nicht in jede Entscheidung.
Nicht in jede Begegnung.
Nicht in jeden neuen Tag.
Lange glaubte ich, ich hätte die Verbindung zu meinen Wurzeln verloren.
Heute weiß ich, dass das nicht stimmt.
Mit meinen Wurzeln war ich immer verbunden.
Meine Stärke war immer da.
Meine Kraft war immer da.
Mein Urvertrauen war immer da.
Meine Wurzeln haben mich durch alles getragen.
Was verloren gegangen war, war etwas anderes:
Die Verbindung zu meinem Herzen.
Früh in meinem Leben gab es Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben.
Von einem Tag auf den anderen verlor ich Vertrautes.
Menschen.
Zugehörigkeit.
Orientierung.
Ein Kind, das seiner eigenen Wahrnehmung vertraut hatte, lernte plötzlich, an sich selbst zu zweifeln.
Nicht weil seine Wahrnehmung falsch war.
Sondern weil die Umstände stärker waren als seine Stimme.
Die Folgen davon begleiteten mich lange.
Doch der Samen meines Lebens trug bereits alles in sich.
Meine Aufgabe war nicht, jemand anderes zu werden.
Meine Aufgabe war, damit zu wachsen.
Viele meiner größten Wunden konnte ich nicht erkennen.
Nicht weil sie verborgen waren.
Sondern weil sie so selbstverständlich geworden waren.
Zwei Erkenntnisse haben mein Leben verändert:
Mitgefühl verpflichtet nicht zur Selbstaufgabe.
Mitleid ist nicht Verantwortung.
Lange habe ich geglaubt, dass das Erkennen von Schmerz Verantwortung erzeugt.
Dass ich zuständig bin, wenn sich jemand verletzt, enttäuscht oder zurückgewiesen fühlt.
Heute weiß ich:
Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte.
Seine eigenen Erfahrungen.
Seine eigenen Verletzungen.
Wer gesunde Grenzen setzt, verletzt niemanden.
Wer sich durch gesunde Grenzen gekränkt, verletzt oder zurückgewiesen fühlt, begegnet oft einem alten Schmerz, der lange vor dieser Begegnung entstanden ist.
Das darf gesehen werden.
Aber ich muss es nicht tragen.
Wer innerlich gereift ist, respektiert die Grenzen anderer.
Nicht weil sie ihm immer gefallen.
Sondern weil er weiß, dass jeder Mensch ein Recht auf seinen eigenen Raum hat.
Meine Kraft war nie das Problem.
Ich habe sie freiwillig verschenkt.
Immer wieder.
Weil ich glaubte, das sei Liebe.
Weil ich glaubte, das sei Mitgefühl.
Weil ich glaubte, das sei meine Verantwortung.
Heute weiß ich, dass wahres Mitgefühl nicht bedeutet, mich selbst zu verlieren.
Heute weiß ich, dass Selbstliebe nicht darin besteht, die Vergangenheit auszuradieren.
Sie besteht darin, ihr ihren Platz zu geben und trotzdem weiterzuwachsen.
Heute sehe ich mein Leben anders.
Ich sehe nicht zuerst die Ketten.
Nicht zuerst die Narben.
Nicht zuerst die Vergangenheit.
Ich sehe meinen Garten.
Ich sehe die Frau, die ich geworden bin.
Und die Frau, die ich immer war.
Ich sehe das Leben.
Die Möglichkeiten.
Die Kreativität.
Die Freude.
Die Entwicklung.
Die Blüten.
Die Vergangenheit gehört zu meinen Wurzeln.
Die Gegenwart gehört zu meinen Blüten.
Und beides zusammen macht meinen Garten zu dem, was er ist.
