Ich war vier Jahre alt.
Ich bin vor die Haustür gerannt.
Wir hatten ein Einfamilienhaus.
Ich stand oben auf den Stufen, vor der Tür.
Unten war das Gartentor.
Ich habe geschrien.
Um Hilfe.
In der Hoffnung,
dass irgendjemand kommt
und es aufhört.
Niemand kam.
Wenige Tage später saß ich in einem Auto.
Ein fremdes Land.
Eine fremde Frau.
„Das ist jetzt deine Mutter.”
„Das ist jetzt deine Sprache.”
Ich war vier.
Was macht ein Kind mit so einer Erfahrung?
Es lernt zu funktionieren.
Es wird stark.
Es passt sich an.
Und es hofft.
Still.
Tief.
Unerschütterlich.
Dass die Mama irgendwann doch kommt.
Mich in den Arm nimmt.
Mich sieht.
Mich liebt, so wie ich bin.
Sie kam nicht.
Aber die Hoffnung blieb.
Und die Fantasie auch.
Ich habe mir vorgestellt,
wie ich sie wiedersehe.
Wie sie plötzlich vor mir steht.
Mich ansieht.
Mich erkennt.
Manchmal habe ich mir vorgestellt,
dass ich in so einer Fernsehshow sitze.
Und dann geht das Licht an.
Und sie ist da.
Und alles wird gut.
Die Hoffnung hat sich nur verändert.
Sie hat sich verkleidet.
In Menschen.
In Intensität.
In dieses Gefühl von:
Vielleicht dieses Mal.
Ich war mitten im Abitur.
Unter der Woche habe ich als Babysitter gearbeitet.
Am Wochenende abends stand ich im Restaurant und habe gekellnert.
Weil ich alleine wohnen wollte.
Weil ich mein Leben selbst aufbauen wollte.
Und dann saßen wir am Tisch.
Ich aß Buletten,
grüne Bohnen,
Kartoffelpüree.
Er kam und stellte sich vor.
Attraktiv.
Polarisierend.
Anziehend.
Man hat ihn nicht übersehen.
Und bereits liiert.
Und weißt du, was passiert ist?
Nicht bewusst.
Aber etwas in mir wurde aktiviert.
Die Hoffnung.
Und mit ihr diese Fantasie –
von dem, was sein könnte.
Vielleicht dieses Mal.
Mein inneres Kind liebt die Hoffnung.
Immer schon.
Ich habe mich nie in den Menschen verliebt.
Ich habe mich in die Hoffnung verliebt.
In das, was sie in mir ausgelöst hat.
Diese Fantasie.
Dieses Bild von dem,
was sein könnte.
Ich habe mein Eigenes in ihm gesehen.
Meine Tiefe.
Meine Hoffnung.
Mein Potenzial.
Und gedacht, es gehört ihm.
Projektion.
Und ich habe lange gebraucht,
um zu verstehen,
dass das alles meins war.
Ich wollte ihn nicht wirklich.
Ich wollte das Gefühl,
dass er sich für mich entscheidet.
Und sobald er mir näher kam,
wurde es zu viel.
Zu echt.
Zu greifbar.
Dann bin ich gegangen.
Und kaum war er wieder auf Abstand,
war sie wieder da:
Die Hoffnung.
Und plötzlich wollte ich ihn wieder.
Nicht ihn.
Sondern das Gefühl.
Dieses Vielleicht dieses Mal.
Ich habe gelebt, dass ich niemanden brauche.
Und trotzdem habe ich mich verloren,
sobald die Hoffnung größer war als ich.
In diesem Wunsch,
dass diesmal jemand bleibt.
Er hat sich in mein Licht verliebt.
Ich mich in die Hoffnung.
Aneinander vorbeigelebt –
von Anfang an.
Und dann:
Gerichtsvollzieher.
Polizei vor der Tür.
Nicht meine Schulden.
Nicht mein Chaos.
Und ich hätte gehen können.
Aber ich bin geblieben.
Habe seine Verantwortung
zu meiner gemacht.
Ich schwanger.
Alleinerziehend.
Plötzlich hatte ich auch nichts mehr.
Er blieb in seiner Welt.
Und ich bin hart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen.
Jung.
Alleinerziehend.
Mit nichts.
Und ich habe trotzdem noch gehofft.
Dass es sich noch dreht.
Dass er sich noch entscheidet.
Ich habe gegeben.
Mehr, als ich hatte.
Bis nichts mehr übrig war.
Weil ich gelernt hatte:
Liebe bedeutet,
zu hoffen.
zu warten.
zu tragen.
Auch wenn nichts zurückkommt.
Ich war ein Kind,
das neun Jahre gewartet hat,
dass seine Mutter zurückkommt.
Und mein Körper hatte gelernt:
Wenn du lange genug hoffst,
dann ist das Liebe.
Ich dachte lange,
dieser Teil in mir würde mich sabotieren.
Dieses kleine Mädchen,
das so sehr hoffen konnte.
Aber heute weiß ich:
Sie wollte mich nicht zerstören.
Sie wollte nur,
dass ich endlich bekomme,
worauf ich so lange gewartet habe.
Gesehen werden.
Gewählt werden.
Geliebt werden.
Nur hat sie dafür Wege benutzt,
die mich immer wieder
von mir entfernt haben.
Ich habe sie dafür verurteilt.
Habe sie weggedrückt.
Habe Angst vor ihr gehabt.
Bis ich verstanden habe:
Nicht sie ist das Problem.
Sondern,
dass ich sie alleine gelassen habe.
Genau wie ich damals
alleine gelassen wurde.
Heute habe ich diese ruhige Liebe gefunden.
Nicht im Außen.
Sondern in mir.
Die erste große Liebe meines Lebens
bin ich selbst.
Ich verliere mich nicht mehr,
um etwas zu fühlen.
Ich fühle mich selbst.
Und wenn etwas gehen muss,
damit ich mich nicht wieder verliere –
dann gehe ich.
Nicht, weil ich aufgebe.
Sondern,
weil ich mich nicht mehr verlasse.
Heute bin ich die,
die geht.
Und vielleicht erkennst du dich darin.
In diesem Hoffen.
In diesem Warten.
In diesem Vielleicht dieses Mal.
